Brief an Jutta

 

Liebe Freundin,

Du fragst mich, was los ist in Berlin? Was soll ich sagen – Du weißt ja, dass ich zur Zeit viel Zeit habe. Ich bewege mich überwiegend in meinem ruhigen Kuschelkiez. Morgens gehe ich das Notwendige für den Tag einkaufen: Brot, Obst, Käse, Schokolade… Ist das Wetter mild und trocken, zieht es mich in den nahegelegenen Park.

Dort angekommen, setze ich mich auf immer die gleiche Holzbank, ganz nahe am Wasser, unter einem Ahornbaum. Auf der Suche nach Vertrautem und Neuem, schaue ich über den kleinen See bis meine Augen auf der Oberfläche haften bleiben. Kleine Wasserwellen rollen in eine Richtung und verhindern nicht, dass ich versuche durch die schwarze Tiefe bis auf den Grund zu blicken – erfolglos. Nebenan quaken die Frösche und ich überlege, warum die Evolution es wollte, dass die kleinen Weibchen die großen Männchen auf dem Rücken rumschleppen müssen? An manchen Tagen kann ich einen Reiher beobachten, der fast regungslos auf einem Stein in der Mitte des Sees sitzt. Der Platz könnte nicht klüger ausgewählt sein, denn von hier aus überblickt er sein gesamtes Jagdrevier. Schon oft habe ich den schlanken Vogel dabei beobachtet, wie er geduldig an immer derselben Stelle sitzt und auf den richtigen Moment wartet. Wagt sich ein Frosch oder ein Fisch in seine Nähe, schnappt er mit seinem langen Schnabel blitzschnell zu und verschlingt die Beute mit Haut und Haaren. Doch meistens sitzt er unbeweglich auf seinem Platz, und ich denke: „der muss doch mal etwas fressen, so dünn wie der ist?“ Hin und wieder streckt er seine Flügel aus oder streift mit seinem Schnabel vorsichtig durch das Gefieder. Dann scheint es, als wolle er selbst überprüfen, ob er noch wach und lebendig ist.

Haut ab“, „lasst mich in Ruhe“, „scheiß Staat“ ruft es plötzlich in die Stille. Der Verursacher sitzt auf einer nahegelegenen Bank. Es handelt sich um einen alten Mann mit zugewachsenem Bartgesicht, großem Hut und langen weißen Haaren. „Man, man, man ruft er und schreit: „Heidewitzka Herr Kapitän“, schreit er erneut.

Aufgeschreckt von dem Geschrei verlasse ich meinen Platz und laufe am Seeufer entlang.Ich habe Glück und begegne meinem alten Freund Horst, den fast blinden Messi. Er lächelt mich freundlich an und ich schaue ihm in die kleinen, schon etwas trüben Augen hinter seinen dicken Brillengläsern. Wir unterhalten uns angeregt über die Geschehnisse seit unserem letzten Treffen. Wir reden über das Elend der Politik, die Katastrophen, die Vergangenheit, die Zukunft und das Wetter. Nebenbei zähle ich seine Fettflecken auf dem Pullover: 1, 2, 3… und muss dabei lächeln. Während des Gespräches verfangen wir uns in ein Wortspielereienschwätzchen in süddeutschen Dialekt: „scheint Sun scho, Sun scheint scho. Den hat der Hafer gstoche“ usw. Dabei entspannt sich mein angespannter Ischiasnerv und der Schmerz lässt endlich nach.

Jutta, ich könnte Dir jetzt noch ewig so weiter erzählen. Aber was in Berlin los ist, das weiß ich nicht.

Herzlichst Deine Luiise.

 

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