U-Bahn

Stufe für Stufe führt der Weg in den Untergrund. Ein Geruch aus Metall, Kunststoff, Teer, Öl, Parfüm, Schweiß und manchmal Zigarettenrauch steigt in die Nase. Ein kurzer Blick auf die Anzeigentafel macht die Hoffnung auf eine rasche Ankunft der U-Bahn zunichte. Warten ist angesagt und fünf Minuten werden zu einer Ewigkeit.

Langsam füllt sich der Bahnsteig mit Fahrgästen verschiedenen Alters und Nationen. Mit etwas Glück ist ein Hund anwesend und lockert die angespannte Atmosphäre etwas auf. Einige der Gäste bleiben nahezu regungslos stehen. Mit stoischem Blick starren sie auf das Loch in der Wand, durch das die Bahn hoffentlich bald kommen wird. Andere versuchen die Wartezeit mit einer Unterhaltung mit der Begleitperson oder mit dem surfen im Smartphone zu verkürzen. Die besonders Ungeduldigen laufen auf dem Bahnsteig herum, inspizieren die Auslagen am Kiosk, studieren die Infos am Kartenschalter oder lesen die Werbe- und Veranstaltungsplakate. Es gibt wohl kaum einem anderen Ort, an dem Plakate so viel Aufmerksamkeit erhalten, wie beim Warten auf die U-Bahn. Die meisten Fahrgäste halten deutliche Distanz zur Bahnsteigkante. Die Nachrichten über Angriffe und Unfälle der letzten Jahre lassen aufhorchen. Sie warnen vor der Gefahr auf die tiefer gelegenen Gleise gestoßen zu werden oder zu fallen und vom heranfahrenden Zug erfasst zu werden. 

Endlich ist es soweit – ein dröhnendes Geräusch, welches aus dem Tunnel schallt, und ein warmer Lufthauch kündigen die Ankunft des Zuges an. Langsam fährt die orangefarbene Metallschlange auf dem Bahnsteig ein. Noch bevor sie endgültig zum Stoppen kommt, stellen sich die Fahrgäste rechts und links an die Eingangstüren. Dicht aneinander gedrängt bilden sie eine Traube und lassen gerade so viel Platz frei, dass die aussteigenden Personen hindurchgehen können. Jeder will der Erste beim Einsteigen sein und so die Chance auf einen Sitzplatz oder zumindest einen Platz nahe am Ausgang erhöhen. Zischend öffnet sich die Tür. Kaum verlassen die Fahrgäste den Wagon, drängen die Wartenden hinein. Ein warnendes “ tüt, tüt, tüt “ ertönt und die Tür schließt sich, und der Zug nimmt Anfahrt auf seine Höchstgeschwindigkeit.

Die Fahrgäste sind im Wagon eingeschlossen, es gibt kein Entkommen. Es ist warm, die Luft ist schwer und kaltes Neonlicht die einzige Lichtquelle. Alle Sitzplätze sind besetzt. Wer keinen Platz gefunden hat oder nur wenige Stationen fährt, steht Schulter an Schulter am Eingang gedrängt. Die Körperwärme und der Geruch des Nachbarn verringern die Distanz zueinander und der Fremde wird ungewollt fast zu einem Bekannten. Die Konzentration auf die Zeilen in einem Buch oder in die Tiefen des Smartphones soll vom unangenehmen Aufenthalt ablenken und die Zeit vertreiben. Der Blick aus dem Fenster geht in die Nacht und nur bei genauem Hinsehen, ist das Vorbeisausen der Tunnelwand zu erkennen. Die Fahrtgeschwindigkeit steigt und mit ihr die Anspannung und Ungeduld endlich am Ziel zu sein. Die Luft wird zunehmend dünner und der Raum verliert an Größe. Ein Gefühl der Bedrängis steigt auf und löst sich erst wieder, als die U-Bahn ihre Geschwindigkeit drosselt und die Tür den Weg in die Freiheit erlaubt.

 

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