Maria Amsel ist eine rüstige Rentnerin von 68 Jahren. Nachdem Sie 45 Jahre gewissenhaft als Büroangestellte in einer Spedition tätig war, ging Sie in den wohlverdienten Ruhestand. Sie war niemals verheiratet und macht sich auch sonst nicht viel aus Männerbekanntschaften. Spricht man Sie auf Ihre Entscheidung für ein Leben alleine an, formt Sie Ihren Mund zu einem zufriedenen Lächeln und versichert mit überzeugender Stimme, dass Sie ein eingefleischter Single sei.

Maria Amsel bewohnt eine kleine Eineinhalbzimmerwohnung in der Baumgartenallee fünf. Es handelt sich um eine verkehrsberuhigte und begrünte Seitenstraße in einer mittelgroßen Stadt, nahe Ihrer früheren Arbeitsstelle. Bereits während des Berufslebens, entdeckte Sie die Leidenschaft für die Schönheiten der Natur. Vor allem die Flora und Fauna Ihres Heimatlandes und Europas begeistern Sie. Nach der Ausbildung und als das monatliche Gehalt deutlich höher ausfiel,  begann Sie Ihren jährlichen Urlaub mit Reisen in die schönsten Gegenden zu verbringen. So besuchte Sie beispielsweise die bizarren Felsformationen des Elbsandsteingebirges und lies seine einzigartige Mystik auf sich wirken, atmete die trügerische Stille der fast kreisrunden Seen in der Vulkaneifel ein, staunte über den harmonisch gestalteten Tumulus im Fürst-Pückler-Park von Bad Muskau, seufzte über die Lieblichkeit des barocken Gartens des Weikersheimer Schlosses und roch an den farbenprächtigen Blumen der Insel Mainau.

Nachdem Maria Amsel die schönsten Regionen Deutschlands kennengelernt hatte, besuchte Sie andere Länder Europas. Sie erlebte die Faszination der isländischen Landschaft aus Feuer und Eis, lauschte dem Rauschen der Stromschnellen im finnischen Oulanka Nationalpark von Kuusamo und beobachtete Auerhahn, Wachtelkönig und Fischadler im keltisch geprägten Schottland. Spricht man Maria Amsel auf Ihre Reisen an, beginnt Sie zuerst von Hampshire an der Südküste Englands zu erzählen. Auffallend ist, dass dabei Ihre Augenpupillen im zarten Blau der Lobelie und die Wangen inm rosa Teint der feingliedrigen Puderquastenblume leuchten. Spricht Sie aber über die ummauerten Rosengärten Mottisfont Abbey, öffnet Sie Ihr romantisches Herz und gesteht: „Ich habe noch niemals so viel Wärme und Zärtlichkeit verspürt, wie beim Anblick der Rose David Austin. Es erschien mir, als sei meine Seele in der Blüte gefangen.“ Dieser Eindruck sollte das zukünftige Leben Maria Amsels bestimmen.

Kaum zurück in der Baumgartenallee, pachtete Sie einen Schrebergarten und begann mit der Rosenzucht im Sinne Mottisfont Abbey. Sie legte eine viergeteilte Gartenanlage nach Vorbild des Landsitzes Levens Hall an, gestaltete die Beete mit einer niedrigen Buchsbaumumrandung und bestückte die freien Flächen mit pastellfarbenen historischen Rosensorten. Sie pflanzte, jäte, grub und rechte, studierte bei Regentagen und in der Winterruhe Bücher über die Pflege der englischen Rosen und machte Gestaltungspläne für neue Beete. Der eigentliche Hingucker aber, wurde die makellose Zucht einer David Austin und die Pracht der Begleitpflanzen Rittersporn, Lavendel, Ringelblume und Schleierkraut.

Es dauerte nicht lange und die amseligen Pflanzenerfolge sprachen sich herum und andere Rosenfreunde bekamen Wind von den Wundern des Kleinodes. Der Garten entwickelte sich rasch zum Mekka für Rosenzüchter jeglicher Couleur. Stolz über die Bewunderung, öffnete die Besitzerin regelmäßig im Juli die Tür für Besucher und gab Tipps aus der Schatzkiste Ihrer umfangreichen Erfahrungen. Den größten Erfolg aber, erlebte Sie bei einem Wettbewerb der schönsten Rose der Gartenkolonie. Bei diesem gewann Sie den ersten Preis für eine besonders langstieliges und satt gefülltes Exemplar und verlieh ihm den Namen „Rosa Maria“.

Die Jahre vergingen und Maria Amsel erreichte das Rentenalter. Endlich war es so weit, und Sie konnte sich rund um die Uhr Ihrer Passion widmen. Sie stürzte sich in die Gartenarbeit und abverlangte Ihrem Körper noch die letzten Reserven. So blieb es nicht aus, dass ein altes Rückenleiden zunehmend an Kraft gewann und Sie Ihren Schrebergarten aufgeben musste. Der Verlust wiegte schwer und legte einen trüben Schleier auf Ihre Seele. Vor allem im Frühjahr, wenn die Vögel das jährliche Erwachen besangen und die Knospen zu sprießen begannen, bestimmte die Melancholie Ihr Gemüt.

Aber Maria Amsel wäre nicht Sie selbst, suchte Sie nicht einen Ausweg aus dem Dilemma. Die zündende Idee kam Ihr beim Besuch einer Fotoausstellung über die schönsten Balkone und Terrassen im Botanischen Garten. Und so zog Sie von der terrassenlosen Dreizimmerwohnung in eine Einzimmerwohnung mit ausladender Terrasse in Südwestlage. Sobald es Frühling wurde und mit der Überzeugung, dass Ihre Seele noch immer in den Rosengärten Mottisfont Abbey gefangen ist, wirbelte Maria Amsel auf der Terrasse herum, bestückte das Geländer mit kleinen Kugelbuchsbäumchen, pflanzte alte, englische Rosensorten im Farbkanon der frischen Pastelltöne Mint, Flieder, Weiß, Zitronengelb, Rosarot und Lichterorange. Übrigens, eine Farbkombination, die sich im Landhausstil Ihrer Wohnungseinrichtung widerspiegelt. Maria Amsel nutze jeden freien Platz Ihrer Terrasse für Blumen. Die blanken Hauswände verdeckte Sie mit rankenden Ramblerrosen, die an dünnen Gestängen zum Himmel aufstrebten, und die Lücken zwischen den Blumentöpfen am Boden, füllte Sie mit feuchten Moosen. Doch bei all dem Wunderbaren, war der wichtigste Blickfang die Königin Ihrer Blumen, die „Rosa Maria“. Das triste Betonareal zeigt bald die unverwechselbare Handschrift der Gärtnerin und es schien, als wäre Ihre Seele von Mottisfont Abbey zu Ihr zurückgekommen.

Maria Amsel nahm sich zunehmend Zeit Ihr Werk zu genießen. Besonders in den lauen Sommerabenden, wenn die Sonne langsam hinter den Häusern verschwindet und sich die Farbintensität der Blumen voll entfaltet, genießt die Besitzerin das kleine Reich. Sie setzt sich auf einen bequemen Vintage-Stuhl, nippt genussvoll an einem Viertelchen blutroten Burgunder im Kelchglas aus Kristallschliff und atmet den süßen Duft der Blüten ein. In solchen Momenten fühlt Sie sich vom Glück umarmt, schließt die Augenlider und formt die schmalen Lippen zu einem sanften Lächeln. Zur Unterhaltung dieser intimen Momente, dienen die zahlreichen Spatzen, Grünlinge, Meisen und Rotkehlchen. Angelockt vom selbst gemachten Futter im Vogelhaus, fliegen Sie dort ein und aus und Trällern ein Ständchen.

Ende

 

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